
Ohne Sprache geht es gar nicht
Mein Name ist Anastasiya, ich komme aus Russland – diesen Satz habe ich hunderte Mal während der letzten zwei Jahre gesagt, und das hat sich gelohnt, ganz ehrlich.
Seit März 2014 lebe ich in Deutschland, bis vor kurzem in Göttingen. Dass ich mein Land verlassen habe, hatte viele Ursachen, unter anderem auch familiäre Gründe. Zuerst bin ich nach Friedland gekommen, wo ich nur zehn Tage verbracht habe. Trotzdem waren das die längsten zehn Tage meines Lebens. Wenn man nicht weiβ, wie es weitergeht, vergeht die Zeit langsam. Dann habe ich Bescheid bekommen, dass ich nach Göttingen umziehen muss.
Zuerst dachte ich, dass es so eine kleine Stadt ist und ich möglichst bald raus muss. Stimmte so nicht, in ganz kurzer Zeit habe ich mich in diese Stadt verliebt – alles ist sehr nah, die Leute sind sehr freundlich und es gibt viele Möglichkeiten.
Zuerst aber hatte ich keine Ahnung, was, warum und wohin. Obwohl viele sagen, dass die Beamten manchmal nicht freundlich sind, habe ich bis heute keine solchen getroffen. Ich habe fast sofort Hinweise bekommen, was ich machen soll, und schon in Friedland habe ich von der Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule gehört und war sehr erfreut zu wissen, dass es auch in Göttingen eine GF-H-Bildungsberatungsstelle gibt.
Zuerst habe ich mich nicht getraut da anzurufen und um einen Termin zu bitten. Eigentlich war die Sprache das gröβte Problem, wie bei vielen anderen auch. Ich bin mit Deutschkenntnissen auf dem Niveau A2 nach Deutschland gekommen. Deswegen wirkten alle diese schrecklichen Wörter wie “Aufenthaltstitel, Anmeldungsbescheinigung” u. ä. schockierend auf mich, und ich musste vielmals nachfragen, die Wörter aufschreiben und nachschauen. Die offiziellen Briefe… na ja, die habe ich stundenlang gelesen! Aber das schlimmste waren die Anrufe – da hat man keine Chance, weil man auch nicht die Lippen der sprechenden Person lesen kann. Aber es gibt keine andere Möglichkeit – entweder ruft man an oder bleibt ohne Hilfe. So habe ich es schlieβlich gemacht und war überrascht, wie einfach es war. Die Beraterin Andrea Schwarzbach hat sehr langsam und deutlich gesprochen und bald war ein Termin vereinbart!
In Russland habe ich Philologie mit einem Bachelor abgeschlossen und dann Soziologie als Master. In Russland war es unproblematisch so eine gemischte Bildung zu haben. In Deutschland ist es anders. Man weiβ nicht, ob das Diplom hier anerkannt wird. Aber schon während meines ersten Termins bei der Bildungsberatung haben wir das geklärt. Die Unterlagen wurden an die Bewertungsstelle geschickt (dabei hat mir auch die Bildungsgenossenschaft Südniedersachsen geholfen) und später habe ich die Antwort bekommen, dass mein Diplom in Deutschland auch auf dem Masterniveau anerkannt ist.
Damals war für mich noch nicht klar, wie ich mein Leben in Deutschland am besten planen kann: studieren, arbeiten, oder vielleicht ein Praktikum machen. Ich war sehr ungeduldig die ganze Zeit, weil ich mich möglichst schnell mit etwas Sinnvollem beschäftigen wollte. Die Finanzierung war auch eine wichtige Frage. Wir haben uns darüber mit Frau Schwarzbach von der Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule unterhalten und alle Möglichkeiten durchdacht. Aber die ersten Schritte waren natürlich klar – die Sprache lernen. Ohne Sprache geht es gar nicht. Hier hat mir wieder die Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule geholfen. Wir haben einen Platz im studienvorbereitenden Intensivsprachkurs Deutsch bis zum Niveau C1 gesucht und gefunden. Ich war so glücklich und dankbar! Diese Kurse haben mir den weiteren Weg weiter geöffnet. Als nächstes kam noch eine Überraschung für mich – der Garantiefonds Hochschule unterstützt mich auch finanziell, d.h. die Kurse wurden bezahlt und ich habe auch ein Stipendium gekriegt, was für mich wichtig war.
So war das erste Jahr in Deutschland langsam vorbei und der Sprachkurs fast zu Ende und ich musste überlegen, wie es weitergeht. Ich habe mit vielen Leuten und eine Menge Freunde gefunden, viele mit ähnlichen Geschichten wie ich. Die Mehrheit wollte studieren, und deswegen habe ich mich die ganze Zeit mit der Frage beschäftigt, ob es für mich wirklich lohnt weiter zu studieren, oder ob ich lieber eine Arbeit suche. Die zweite Option war relativ riskant, denn ich hatte keinen richtigen Beruf und kaum Arbeitserfahrung. Bei vielen Gesprächen wurde mir gesagt, dass es vielleicht besser ist, nochmal ins Studium zu gehen. Bei der GF-H-Bildungsberatung wurde mir gesagt, dass es noch eine Option gibt – ein Praktikum zu machen. Ich wollte nicht so gern dafür aus Göttingen raus, die Chance war also relativ klein, einen Praktikumsplatz in meinem Bereich zu finden. Aber wieder hat die Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule mich unterstützt. Frau Schwarzbach hat mir eine Liste von Kontakten und Stellen vorgeschlagen, wo ich potenziell ein Praktikum machen konnte. Ich habe diese kontaktiert, und zuerst keine Antwort bekommen. Ich hatte die Hoffnung fast verloren als plötzlich Rückmeldungen kamen! Man muss wissen, dass es in Deutschland lange dauert, bis man eine Antwort über eine Anstellung oder ein Praktikum erhält.
Ich habe Vorstellungsgespräche gehabt und habe genau an meinem Geburtstag eine positive Antwort von einer Stelle erhalten. Ich war beruhigt, dass jetzt für die nächste Zeit alles geklärt ist, war es aber nicht. Bei der weiteren Papierarbeit mit der Praktikumsstelle, haben wir erfahren, dass es Probleme mit meinen Unterlagen gibt. Frau Schwarzbach hat wieder geholfen und wir bereiteten alle benötigten Nachweise vor. Aber für den Praktikumsgeber war es nicht zufriedenstellend und wir waren wieder auf der Suche.
Glücklicherweise habe ich in sehr kurzer Zeit einen neuen Praktikumsplatz gefunden. Das war wirklich ein Wunder, und ich bereue jetzt gar nicht, dass es mit dem ersten Platz nicht geklappt hat. Ab Juni 2015 habe ich mit einem Stipendium von der Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule mein Praktikum im Büro für Integration der Stadt Göttingen angefangen! Ohne dieses Stipendium hätte ich das Praktikum nicht machen können.
Während des Praktikums habe ich viel Neues gelernt, mein Deutsch verbessert und wunderbare Leute kennengelernt. Ich wäre dort gern geblieben. Es gab aber leider keine Möglichkeit und ich musste die schwierigste Sache anfangen: Arbeitssuche. Ich hatte ehrlich nicht so viel Hoffnung, dass ich etwas finde, und nach dreimonatiger Suche war ich schon niedergedrückt (ich weiß, dass es sehr kurze Zeit für die Arbeitssuche ist, aber wie gesagt – ich war sehr ungeduldig). Und genau in dieser Zeit habe ich eine Rückmeldung von einer Firma in Berlin bekommen.
Jetzt arbeite ich bei einer weltweit tätigen, gemeinnützigen Organisation, die die Verbesserung der Gesundheitsversorgung durch den Einsatz von Informationstechnologie (IT) zum Ziel hat. Ich habe die Probezeit schon hinter mich gebracht und ich bin sehr zufrieden, dass alles so ist, wie es ist. Ich habe vielmals gehört, dass Nichts klappt, aber was ich sagen will ist, dass man nie aufgeben darf! Es gibt immer Leute, die dich unterstützen, und ich bin diesen Leuten sehr dankbar.