
Die Entscheidung hieß ‚Brot oder Bücher‘
Syrien habe ich schon Anfang 2012 verlassen. Zuerst bin ich in die Türkei geflohen und dann im Februar 2015 allein weiter nach Deutschland. Mein Wunsch, im Ausland Erfahrungen zu sammeln und meinen Horizont zu erweitern, wurde untermauert durch die Alternativlosigkeit: Weder in Aleppo, meiner Heimatstadt, noch in Afrin, dem kurdischen Gebiet in Syrien, konnte ich bleiben. In Aleppo, welches vom Regime kontrolliert wurde, galt ich als Kurde als Volksverräter und in Afrin hätte ich für die kurdische Miliz kämpfen müssen, was meinen pazifistischen Prinzipien widerspricht.
Auch in der Türkei war es für mich aufgrund meiner ethnischen Herkunft nahezu unmöglich, meinen Bildungsweg fortzusetzen. Ich hatte mein Abitur mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt in Aleppo absolviert und dort an der Universität begonnen, Anglistik zu studieren. Das wollte ich gerne weiter machen. Aber die Bedingungen in der Türkei sind nicht nur für Kurden, sondern generell für Flüchtlinge miserabel. Entweder muss man unter schwersten Bedingungen arbeiten, oder man benötigt viel Geld, um sich ein angenehmes Leben - wozu auch ein Studium gehört - kaufen zu können. Die Entscheidung hieß „Brot oder Bücher“.
Als ich dann vor nahezu vier Jahren mit 23 Jahren allein in Deutschland ankam, hat mir mein Bruder, der schon mehrere Jahre in Leipzig lebte, bei allem geholfen.
Ich wollte so schnell wie möglich mein Studium in Deutschland beginnen, jetzt mit dem Wunsch, Anglistik durch Politikwissenschaften zu ergänzen. Dafür musste ich natürlich als erstes deutsche Sprachkenntnisse erlangen. Das war die größte Hürde, doch meine Affinität zu Sprachen hat mir dabei geholfen. Bevor ich nach Deutschland kam, sprach ich kurdisch, arabisch, englisch und türkisch. Ich dachte, eine weitere Sprache kann nicht so schwer sein.
Aber auch Dinge wie die unsichere finanzielle und soziale Situation spielen beim Ankommen in einer fremden Kultur eine große Rolle. Man kann auf kein Netzwerk zurückgreifen, ist ziemlich verloren in einem ganz neuen (Bildungs-)System, einer neuen Kultur. Und so war das mit der fünften Sprache doch nicht so einfach wie gedacht.
Zur Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule habe ich über die Arbeitsvermittlung gefunden. Ich werde niemals vergessen, wie viele Möglichkeiten mir durch Frau Schober von der GF-H-Bildungsberatung Leipzig aufgezeigt wurden. Ende 2015 besprachen wir meine Voraussetzungen mit meinem syrischen Abitur und meine Studienziele. Mir wurde mein Weg deutlich – C1 – Studienkolleg – Studium. Dann bekam ich die Chance, in der ersten Jahreshälfte 2016 an einem studienvorbereitenden Deutschkurs teilzunehmen. Frau Schober hatte mich in die Förderung nach den Richtlinien Garantiefonds Hochschule aufgenommen. Aus dem vom Jugendministerium finanzierten Garantiefonds wurden die Kosten für den Kursbesuch gezahlt. Ich konnte Kontakte zu Deutschen knüpfen und immer wieder stand die Beraterin mir und anderen Teilnehmern des Intensivsprachkurses mit unendlicher Motivation bei und ermutigte uns, all die vielen Möglichkeiten, die sich uns nun darboten, wahrzunehmen. Die Beratung hat mich so nicht nur auf meinem Bildungsweg in Deutschland weitergebracht, sondern auch in vielen anderen Bereichen meines Lebens.
Während des Sprachkurses konnte ich an Seminaren zur Recherche von Studienplätzen und Praktika teilnehmen und mich mit Hilfe der GF-H-Bildungsberatung Leipzig auf die Aufnahmeprüfung am Studienkolleg Sachsen vorbereiten, die ich im Sommer 2016 im ersten Anlauf erfolgreich bestand. Ich bekam Informationen und Unterstützung bei der Beantragung von BAföG und während des Besuchs des Studienkollegs wieder ein Stipendium des Garantiefonds. Wenn ich Fragen oder Sorgen hatte, konnte ich auch während des einen Jahrs am Studienkolleg immer die Berater in der Leipziger Bildungsberatung konsultieren. Mit Unterstützung der Bildungsberatung bewarb ich mich in dieser Zeit erfolgreich als Studentenbetreuer des Otto-Benecke-Stiftung e.V. Nachdem ich im Sommer 2017 die Feststellungsprüfung erfolgreich abgelegt hatte, und mich endlich im Wintersemester 2017/2018 an der Uni Leipzig für mein Wunschstudium immatrikulieren konnte, ermutigte mich Frau Schober, es auch noch mit einer Bewerbung für ein Studienstipendium beim Evangelischen Studienwerk zu versuchen. Das wäre mir selbst gar nicht in den Sinn gekommen, da ich das System der Förderwerke in Deutschland bis dahin nicht kannte. Ich wurde zum Auswahlverfahren eingeladen und in die Förderung aufgenommen!
So konnten für alle Herausforderungen und Probleme auf meinem Bildungsweg der letzten drei Jahre Lösungen gefunden werden, finanziell als auch sozial, und ich habe mich durch das offene Ohr von Frau Schober und Herrn Felgner immer gut aufgehoben gefühlt.
Ich kann nur immer wieder den Rat geben, sich vorerst auf den Spracherwerb zu konzentrieren. Die Sprache ist der Schlüssel zur neuen Gesellschaft und damit zu so vielen Möglichkeiten hier in Deutschland. Ich habe gelernt, dass die Dinge drum herum, also die sozialen und finanziellen Schwierigkeiten, oft durch fehlendes Verständnis des Systems und durch fehlende Kontakte zur hier lebenden Gemeinschaft zustanden kommen und damit durch das Lernen der Sprache mindestens ansatzweise gelöst werden können. Weiterhin kann ich jedem und jeder raten, sich wirklich zu trauen den eigenen Weg zu verfolgen, auch wenn das bedeutet, mal ein Risiko einzugehen. Niemals sollte man aufgeben, bevor man nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat, weil man denkt, dass man es sowieso nicht schaffen kann.