22. Januar 2026
Drei Fragen an Dr. Anja Reinalter
Dr. Anja Reinalter (Bündnis 90/ Die Grünen) ist Abgeordnete im Deutschen Bundestag und u.a. Mitglied im Ausschuss für Bildung, Familie, Senior*innen, Frauen und Jugend.
Unsere drei Fragen
Frau Dr. Reinalter, Sie sind seit sechs Jahren Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit an der Hochschule Kempen. Vor dem Hintergrund Ihrer Berufsbiografie, welche Themen liegen Ihnen als Mitglied im Ausschuss für Bildung, Familie, Senior*innen, Frauen und Jugend besonders am Herzen?
Mein politischer Schwerpunkt liegt auf Bildung entlang der gesamten Bildungsbiografie. Entscheidend ist für mich, dass Bildungswege offen, durchlässig und anschlussfähig sind - von der frühkindlichen Bildung über Schule und Ausbildung bis hin zur Hochschule und Weiterbildung. Gerade Hochschulen spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie entscheiden mit darüber, ob unterschiedliche Bildungsbiografien anerkannt werden, ob Übergänge gelingen und ob Menschen echte Aufstiegschancen erhalten. Diese Perspektive bringe ich auch in meine Arbeit im Bundestag ein - sowohl im Ausschuss für Bildung, Familie, Senior*innen, Frauen und Jugend als auch in meiner Arbeit zu Forschung, Technologie und Raumfahrt. Denn gute Bildung ist die Grundlage für starke Wissenschaft, innovative Forschung und eine zukunftsfähige Gesellschaft. Deshalb ist mir die Gleichwertigkeit von Bildungs- und Berufswegen besonders wichtig: Bildung darf nicht sortieren, sondern muss Perspektiven eröffnen - unabhängig von Herkunft oder Lebenslauf.
Die Gegebenheiten in der Sozialen Arbeit sind teilweise schwierig. Mitarbeiter*innen erhalten nur befristete Verträge oder sind in Teilzeit angestellt, da die Programme bzw. Projekte zeitlich begrenzt sind und häufig nicht mit den notwendigen finanziellen Mitteln ausgestattet werden. Welche politischen Rahmenbedingungen sind aus Ihrer Sicht notwendig, damit das Arbeiten insbesondere für Bundesprogramme attraktiver wird?
Die Gegebenheiten in der Sozialen Arbeit sind kein individuelles Thema, sondern
Ausdruck struktureller Rahmenbedingungen. Wenn Bundesprogramme überwiegend
kurzfristig, projektförmig und unterfinanziert angelegt sind, entstehen zwangsläufig
Befristungen, Teilzeit und fehlende Planungssicherheit. Aus meiner Sicht braucht es hier einen klaren Kurswechsel: Bundesprogramme müssen von Beginn an auf Verlässlichkeit ausgelegt sein - mit mehrjährigen Laufzeiten, realistischen Budgets und einer verbindlichen Perspektive zur Verstetigung erfolgreicher Ansätze. Gute Arbeit darf nicht dauerhaft im Provisorium stattfinden. Ebenso wichtig ist, Beratung und Koordination als eigenständige Leistung anzuerkennen. Programme entfalten ihre Wirkung nicht allein auf dem Papier, sondern durch Menschen, die sie bekannt machen, begleiten und umsetzen. Diese Arbeit muss strukturell mitgedacht und finanziert werden.
Gerade in der Sozialen Arbeit gilt: Qualität entsteht durch Beziehung, Erfahrung und
Kontinuität. Diese Arbeit lässt sich nicht automatisieren oder durch KI ersetzen. Deshalb brauchen wir stabile Beschäftigungsverhältnisse und multiprofessionelle Teams, die langfristig wirken können. Das ist keine Zusatzforderung, sondern Voraussetzung für wirksame Bundesprogramme.
Der Garantiefonds Hochschule ist ein einmaliges Programm, das effektiv und wirtschaftlich zur Schließung der Fachkräftelücke beiträgt. Trotzdem mussten wir in den vergangenen Jahren immer wieder gegen geplante Kürzungen kämpfen. Mit Blick auf die multiplen Problemlagen junger Menschen mit und ohne
Zuwanderungsgeschichte, kürzt die Politik hier an der falschen Stelle und wie sieht für Sie gelungene Bildungspolitik aus?
Programme wie der Garantiefonds Hochschule zeigen, wie wirksam Bildungspolitik sein kann, wenn sie individuell berät, Übergänge ermöglicht und Potenziale erschließt. Gerade deshalb ist es aus meiner Sicht falsch, hier immer wieder Kürzungen in den Raum zu stellen. Wer Fachkräftesicherung und Chancengerechtigkeit ernst meint, muss solche Strukturen verlässlich absichern. Junge Menschen stehen heute vor sehr unterschiedlichen und oft komplexen Herausforderungen - mit oder ohne Zuwanderungsgeschichte. Gelungene Bildungspolitik reagiert darauf, indem sie begleitet, Orientierung bietet und Wege offenhält, statt sie zu verengen.
Für mich bedeutet gute Bildungspolitik eine Erneuerung des Aufstiegsversprechens
durch Bildung. Chancengerechtigkeit ist dabei der Dreh- und Angelpunkt: Jede und jeder verdient gute Bildung - ein Leben lang. Gute Bildung legt den Grundstein für ein selbstbestimmtes Leben, gesellschaftliche Teilhabe, wirtschaftliche Stärke und eine positive Zukunftsperspektive. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels können wir es uns nicht leisten, an den Stellen zu sparen, die nachweislich wirken.
