30. Oktober 2025
Drei Fragen an Ira Peter
Ira Peter ist freie Journalistin, Podcasterin, Bloggerin und Buchautorin. Mit neun Jahren als Aussiedlerin aus Kasachstan nach Deutschland zurückgekehrt, setzt sie sich öffentlich mit russlanddeutschen Themen auseinander.
1. Frau Peter, Sie sind selbst mit 9 Jahren gemeinsam mit Ihrer Familie aus Kasachstan nach Deutschland gezogen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt und wie hat das „Russlanddeutschsein“ Ihre eigene Biografie und Ihre Arbeit als Journalistin beeinflusst?
Ich kam Anfang der 1990er Jahre mit meiner Familie aus Kasachstan nach Deutschland in eine Zeit, in der das Land mit der Wiedervereinigung beschäftigt war und kaum jemand etwas mit Russlanddeutschen anfangen konnte. Ich war neun Jahre alt, sprach mit Akzent und kannte unsere Familiengeschichte zu dem Zeitpunkt selbst gar nicht. Das änderte sich erst mit Anfang 20, als ich anfing, ältere Verwandte zu ihren Erfahrungen zu interviewen und in Archiven zu forschen. Die Erfahrung, sich verschiedenen Kulturen und Ländern zugehörig zu fühlen und eine Einwanderungsgeschichte zu haben, hat mich geprägt – und wahrscheinlich auch zur Journalistin gemacht. Ich wollte verstehen, warum Menschen einander in Schubladen stecken und was das mit Identität, Geschichte und Erinnerungsverantwortung zu tun hat. Das Russlanddeutschsein war lange etwas, das ich mit Scham verbunden habe. In meiner Jugend habe ich versucht, meine Herkunft zu kaschieren, ließ mich "Kea" nennen, verbot meinen Eltern russische Musik und mir selbst, Freunde zu uns nach Hause einzuladen. Erst viel später begriff ich, dass unsere Geschichte Teil der deutschen Geschichte ist. Nur eben eine, über die zu wenig gesprochen wurde. Heute sehe ich es als meine Aufgabe, diese Leerstelle zu füllen, Stimmen hörbar zu machen, die jahrzehntelang übergangen wurden. Mein Buch „Deutsch genug?“ war in gewisser Weise auch ein Akt der Selbstverortung: Ich wollte verstehen, woher ich komme und warum das so lange niemand wissen wollte.
2. In einem Interview mit der NOZ sagten Sie, dass 90 Prozent der aus der ehemaligen UdSSR mitgebrachten Berufsabschlüsse nicht anerkannt wurden, und viele Russlanddeutsche unterhalb ihrer Qualifikationen gearbeitet hätten. Dies hätte nicht nur am Geldbeutel, sondern auch an der Seele genagt. Welche Herausforderungen erleben russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler*innen heute noch in Deutschland – gerade in Bezug auf Bildung und Beruf?
Viele der damaligen Probleme wirken bis heute nach. Die erste Generation von Aussiedlerinnen und Aussiedlern wurde durch den massiven Statusverlust tief geprägt. Manche waren Ingenieur:innen, Ärzt:innen, Lehrer:innen, die plötzlich am Fließband oder in der Reinigung arbeiteten. Das hat sich auf das Selbstbild vieler Familien übertragen, aber auch auf deren Geldbeutel. Ein sozialer Aufstieg war nur durch viele schlecht bezahlte Jobs möglich, auch meine Mutter hatte zeitweise vier Putzstellen. Die Hälfte der heutigen Renter:innen mit (Spät-)Aussiedler-Status sind von Altersarmut bedroht. Auch ihre Kinder, die heute zwischen 30 und 50 sind, tragen oft die Spuren dieser Brüche, zwischen Aufstiegsdruck und dem Gefühl, nicht ganz dazuzugehören.
In Bildungseinrichtungen und auf dem Arbeitsmarkt erleben russlanddeutsche Menschen noch immer stereotype Zuschreibungen: fleißig, aber ungebildet; deutsch, aber doch nicht ganz. Es fehlt an gezielter Ansprache und an Vorbildern in Wissenschaft, Medien oder Politik, die diese Identität sichtbar machen. Sprachliche Hürden bestehen vor allem bei älteren Zuwanderern weiterhin, und viele Familien kennen das deutsche Bildungssystem noch immer nur unzureichend.
Was ich zunehmend beobachte, ist eine neue Selbstverständlichkeit bei der jüngeren Generation: Sie studieren, gründen Unternehmen, schreiben Bücher. Aber viele von ihnen sprechen erst heute offen über Herkunft und Diskriminierungserfahrungen. Integration heißt eben nicht Anpassung, sondern Teilhabe und dafür braucht es Räume, in denen auch hybride Biografien selbstverständlich sein dürfen.
3. Das Bundesprogramm Bildungsberatung GF-H unterstützt seit über 50 Jahren junge (Spät-)Aussiedlerinnen bei der Aufnahme oder Weiterführung eines Hochschulstudiums in Deutschland. Welche Maßnahmen sind darüber hinaus erforderlich, um (Spät-)Aussiedlerinnen die Rückkehr nach Deutschland und die Integration vor Ort zu erleichtern?
Solche Programme sind enorm wichtig, weil sie Orientierung geben. Genau das fehlt vielen Neuankommenden zunächst. Aber Integration endet nicht bei Sprachkursen oder Studienberatung. Wir brauchen einen breiteren Ansatz, der auch die emotionalen und kulturellen Dimensionen des Ankommens ernst nimmt.
Viele Spätaussiedler:innen bringen eine starke Bildungsorientierung mit, aber gerade ältere auch Misstrauen gegenüber Institutionen, das aus sowjetischen Erfahrungen stammt. Deshalb braucht es niedrigschwellige, kultursensible Angebote wie Mentoringprogramme, Begegnungsräume und Beratung auf Augenhöhe. Wichtig wäre zudem, die Geschichte der (Spät-)Aussiedlerinnen stärker in Schulbücher, Museen und den öffentlichen Diskurs zu integrieren. Wer Teil einer Gesellschaft sein soll, muss sich in ihrer Erzählung wiederfinden.
Und schließlich geht es um Anerkennung, nicht nur von Abschlüssen, sondern von Lebensleistungen. Deutschland hat über zwei Millionen Russlanddeutsche aufgenommen, aber nie wirklich ihre Geschichten gehört. Wer diese Menschen stärken will, muss ihnen nicht nur helfen, wirtschaftlich Fuß zu fassen, sondern auch zuhören. Nur so wird aus Integration Zugehörigkeit.
